Steine gegen das Vergessen

Gunter Demnig im Mai 2017/Zwickau Steine gegen das Vergessen Kennengelernt hatten wir Gunter Demnig bereits im Sommer dieses Jahres, als wir die Verlegung der Stolpersteine der Familien Brandtwein und Klein begleiteten. Während dieser sehr emotionalen Zeremonie, die uns auch heute noch lebendig in Erinnerung ist, begegneten wir Gunter Demnig erstmals – vielmehr seiner handwerklichen Arbeit. Nun bot sich im Rahmen der Veranstaltungsreihe „NOVEMBERTAGE“ der Bündnis 90/ Die Grünen am 26. November die Gelegenheit, den „Schöpfer der Stolpersteine“ in kleiner Gesprächsrunde näher kennenzulernen.

Gunter Demnig wurde 1947 in Berlin geboren. Er studierte Kunstpädagogik, Industrial Design und freie Kunst. Später arbeitete er in der Denkmalsanierung und als künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel. Seit 1985 unterhält er ein eigenes Atelier in Köln.Stolpersteine für Familie Klein/Zwickau 2017

Etwa im Alter von 18 Jahren entdeckte er in seinem Elternhaus eine Schachtel vergilbter Fotos, die seinen Vater bei der berüchtigten Legion Condor als Wehrmachtsoldat in Frankreich zeigen. Demnig Senior verweigerte sich hartnäckig den wiederkehrenden Fragen seines Sohnes. Sie sprachen fünf Jahre nicht mehr miteinander. Sein politisches Interesse erwachte und er wollte für seine Vergangenheitsbewältigung neue Wege finden. In den folgenden Jahren unternahm er Projekte, indem er per Druckrad Deportationsstrecken abfuhr und Sprüche wie: „Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti“ auf die Straßen druckte.

1992 entstand der erste Entwurf zum Projekt Stolpersteine. Fünf Jahre später folgte zunächst die illegale Verlegung in Berlin-Kreuzberg. Nach dreimonatigem Streit mit den Behörden bekam das Projekt die offizielle Genehmigung. Dabei wurde uns deutlich, was dieser Mann alles auf sich nahm, um seine Ziele zu verwirklichen.

Bis heute wurden 63 500 dieser mit Messing beschlagenen Betonwürfel in über 22 Ländern verlegt. Gunter Demnig verlegt davon, wie er uns berichtete, 95 Prozent selbst und reist über das Jahr mehr als 60 000 km. Alle Steine fertigte er dabei per Hand an. Denn der geplanten Maschinerie der Vernichtung, die in den zwölf Jahren der Herrschaft der Nationalsozialisten durchgeführt wurde, soll durch jede einzelne Opfergruppe, jeden Menschen, jeden Stein widersprochen werden.

Interessant war zudem, wie er mit Kritik umgeht. So sprach er Vorwürfe aus den vergangenen Jahren an, wie, dass er sich „bereichern“ wolle oder, dass „das Andenken von Menschen mit Füßen getreten wird", wie Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, 2016 formulierte. Darauf erwiderte er  „Wer sich bückt, um die Inschrift der Stolpersteine zu lesen, verbeugt sich vor den Opfern.“ Auch sagte er: „Durch jeden Schritt wird die Erinnerung an die Verstorbenen blank poliert“. Zu den Profitvorwürfen meinte er nur, dass die Logistik und die neun Mitarbeiter von den 120 Euro je Stein abgerechnet werden müssen.

Das Motiv, dass er gerade jungen Menschen seine Geschichte erzählen möchte, zog sich durch den gesamten Vortrag. So betonte er seine Freude, dass viele Schüler an seinem Projekt interessiert sind und bei Verlegungen mithalfen. Denn ihm war wichtig, dass diese unvorstellbaren Zahlen an Opfern nicht vergessen werden: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn der Name vergessen ist."

Vincent König, Ben Großpietsch