Zeitzeugengespräch mit Günther Mohr Zeitzeugengespräch mit Günther Mohr

„Es heißt immer, die Zeit heilt alle Wunden, doch meine Wunden sind so tief, sie werden nicht verheilen“, sagte Herr Mohr.

 

Am Dienstag, dem 20. März 2018, durften wir einen außergewöhnlichen Mann kennenlernen. Vor uns saß ein lebensfroher Mensch ꟷ trotz eines schweren Schicksals. Günther Mohr wuchs zunächst wohlbehütet in Lübeck auf, bis zu jenem Tag, an dem die Gestapo die Wohnung stürmte. Der 2. November 1937 setzte seiner Kindheit ein jähes Ende. Nachdem er gewaltsam von seiner Mutter getrennt und in eine SS-Kaserne verschleppt wurde, war der Junge komplett auf sich allein gestellt. Von nun an war alles anders. Seine Leidensgenossen und er mussten auf dem Boden schlafen, als Toilette dienten lediglich zwei Eimer ohne Deckel. Nach ungefähr drei Wochen wurde die Gruppe verlegt. Die Haftbedingungen verbesserten sich etwas, weil die Wachmänner nun keine Angehörigen der SS waren, wie Herr Mohr erläuterte.

Die Großeltern, beide linientreue Parteigenossen, ließen vermutlich ihre Verbindungen spielen und holten ihn aus dem Lager zu sich nach Hause. Die Großmutter war Trägerin des „Mutterkreuzes“ in Gold, aber ihre Abscheu gegenüber dem kleinen Günther, dem Sohn einer Sintiza, verhehlte sie nie. Zwar normalisierte sich der Alltag etwas, aber wenn er nach der Mutter fragte, gab es keine Antwort. Er durfte für kurze Zeit in die Schule gehen, wo ihn die Lehrerin als „Zigeunerlümmel“ begrüßte und in die hinterste Ecke der Schulstube verbannte. Die sonst stets feindselige Großmutter überraschte ihn kurz vor Weihnachten mit der Botschaft, sie würden nun gemeinsam ein Geschenk für ihn kaufen. Die Fassungslosigkeit über den Verrat und die Herzlosigkeit dieser Frau stand Herr Mohr noch nach so vielen Jahrzehnten ins Gesicht geschrieben, als er darüber sprach. Sie gab den Jungen im Lager ab.

Unter den schlechten Bedingungen ging es ums Überleben. Es gab immer weniger Nahrungsmittel, aber was vorhanden war, wurde geteilt. Herr Mohr glaubt, dass ihn die anderen Gefangenen unterstützten, weil er ein Kind war. Nach der Auflösung des Lagers kam der Junge nach Bergen-Belsen. Das Elend wuchs. Er und die anderen Kinder litten unter Hunger und Folter. Ein Eimer, mit einem Loch im Boden, wurde über ihn gehangen. Dieser Eimer war mit Wasser befüllt. Aus einem kleinen Loch tröpfelte über zwei Stunden lang Tropfen für Tropfen auf seinen Kopf. Sein bester Freund schwor nach dieser Tortur dem Glauben ab und das, obwohl er sehr gläubiger Jude war.

Die nächste Station war Neuengamme. Von dort wurde er mit anderen Kindern nach Neuenkirchen verlegt. In der dortigen Marine-Abteilung liefen Experimente über die Wirkung verschiedener Giftstoffe auf den menschlichen Körper in einem U-Boot. Die Kinder waren zwischen 12 und 20 Jahren alt. Zunächst bekamen sie gutes Essen, das sie wohl aufpäppeln sollte: für die Experimente. Zwei Monate durften sie den engen U-Boot-Nachbau nicht verlassen, zwei Kinder starben.

Im Mai fand er sich an Bord des Schiffes „Cap Arcona“ wieder, welches vor dem Zweiten Weltkrieg als „Königin der Südsee“ bekannt war. Dort wurden er und seine Leidensgenossen in Kabinen der Ersten Klasse untergebracht. Nach reichlich sieben Jahren konnte er sich wieder richtig waschen. Am Folgetag, am 3. Mai 1945, griffen britischen Kampfflieger vor Neustadt das Schiff an und versenkten es. Nur dank des Matrosen Jens überlebten die Kinder das Inferno. Daraufhin begann ein Überlebenskampf im nur fünf Grad kalten Wasser. Kurz vor der Küste, die er, kraftlos wie er war, nicht erreichen konnte, wurde der Junge von britischen Soldaten aus dem Wasser gezogen. Als er die Rettungstat von Jens erwähnte, blieb diesem die Gefangenschaft erspart. Der 5. Mai 1945 ist „sein“ Tag der Befreiung. Er traf seine Mutter wieder, die er allerdings erst stundenlang von seiner Identität überzeugen musste.

Beide kehrten nach Lübeck zurück. In ihrem einstigen Zuhause lebten Fremde, die innerhalb von zwei Stunden die Wohnung räumen mussten. Ein kleines Wunder: Die Möbel, die Kleidung, der gesamte Hausstand und das Spielzeug waren gut verpackt auf dem Dachboden gelagert worden. 1946 erhielt der Junge in England eine medizinische Behandlung und mehrere Blutwäschen, um das Zeitzeugengespräch mit Günther MohrQuecksilber aus seinem Blut zu spülen.

Herr Mohr arbeitete nach seiner Genesung in Helgoland als Kampfmittelbeseitiger, bevor er nach Lübeck zurückkehrte. Erst seit eineinhalb Jahren ist in seinem Blut kein Quecksilber mehr nachweisbar. Einen Satz Konrad Adenauers beherzigte er sein gesamtes Leben: „Wenn du mir und mich verwechselst, ist es nicht so schlimm, nur wenn du mein und dein verwechselst.“ Viele Jahre später wurde Günther Mohr während seiner Berufstätigkeit an die Lagerzeit erinnert. Das U-Boot-Manometer, mit dem er Gasleitungen auf ihre Dichte überprüfte, kannte er aus den entsetzlichen Experimenten an ihm und den anderen Kindern in Neuenkirchen.

Wir erlebten einen Mann, der mit seinem ausgeprägten Lebensmut beeindruckte. Wir danken Herrn Moor für diese besondere Geschichtsstunde. Und ein Dankeschön geht an Julia Treubrodt, die uns diese Begegnung vermittelte.

Jonas Bräuer

Fotos: Alexander Pirgl