SiD-Veranstaltungen des aktuellen Jahres

Neue Stolpersteine in Zwickau - 2022

Online gestellt von: Frau Seichter

Es war der 28. Juni 2022. Um 10:00 Uhr morgens eröffnete Antonia Hugel mit der Cello-Suite No. 1 in G Major, Prélude von Johann Sebastian Bach die Einweihungsfeier für fünf neue Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig in Zwickau. Eigens zu diesem Anlass waren die Familien Nelki (aus London und Ostia), die Familien Mannes und Karpas (aus Cambridge) angereist. Daniel Nelki brachte elf Familienangehörige zu diesem besonderen Anlass in unsere Stadt. Senta Schubert begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste, darunter Oberbürgermeisterin Constance Arndt und Bürgermeisterin Silvia Queck-Hänel sowie Felix Angermann (Sparkasse Zwickau).

Die Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Geschichte 11 präsentierten den Gästen ein Standbild, das sie selbst entworfen und viele Wochen lang geprobt hatten. Eine musikalische Collage – acht Schüler sprachen das Gedicht „Die Verscheuchte“ von Else-Lasker-Schüler zu dem Violinen-Stück „Deux Mélodies hébraïques” von Maurice Ravel – begleitete die Szenerie. Mit dem Standbild erinnerten die Jugendlichen an das Schicksal der Familie Mannes.

Nach der Einweihungsfeier fanden die Familienangehörigen und die Schülerinnen und Schülern der Projektgruppe bei einem Stehempfang im Käthe-Kollwitz-Gymnasium zusammen. In lockerer Atmosphäre, mit Speisen und Getränken versorgt, fanden sich sofort kleine Gesprächsgruppen zusammen. Im regen Austausch mit den Familien Nelki und Mannes erprobten die Schülerinnen und Schüler nicht nur ihre Englischkenntnisse, sondern sie erfuhren auch, wie bedeutsam ihr Projekt und die Stolpersteine selbst für die Angehörigen sind.

Zum Schicksal der Familie Mannes

Das nationalsozialistische Deutschland hatte der Familie Mannes großes Leid zugefügt. Kalman und Fani waren fleißige, anständige Leute, die sich und ihren Kindern mit enormer Kraftanstrengung eine gute Zukunft in Deutschland aufbauten. Doch sie verloren nicht nur ihren gesamten Besitz, sondern zugleich ihre Heimat. Kalman Mannes und seine Frau Fani, geb. Friedmann, heirateten 1892 in Berlin, wo sie bis 1910 lebten und fünf Lebensmittelgeschäfte führten. Sie stammten aus der damaligen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, Kalman aus Niepolomice, Fani aus Krakau – beides in Galizien. In Berlin kamen vier Kinder zur Welt: Leonora (1894), Margarete (1900), Ruth Cilly (1904) und Siegfried (1906). Leonora, die Erstgeborene, verstarb im März 1909 – im Alter von nur 15 Jahren.

1910 verkaufte Kalman die Ladenkette und siedelte mit der Familie in das sächsische Zwickau über. Auf der Marienstraße 13 eröffnete er ein Molkerei- und Käsegeschäft. Sie lebten in einer komfortablen Fünfzimmerwohnung in ausgezeichneter Lage: Poetenweg 9. 1922 erhielten alle Familienmitglieder die deutsche Staatsbürgerschaft. Im Unternehmen waren Kalman, Tochter Margarete, zwei Angestellte und ein Kurier tätig. 1929 heiratete Ruth Cilly Dr. Peter Graf, einen Rechtsanwalt. Bis zu ihrer Trennung (Mai 1935) wohnten beide in der Wettiner Straße. Sohn Siegfried studierte zunächst in Freiburg Medizin und wechselte 1925 nach Leipzig. Ab April 1931 lebte er vorübergehend in Frankfurt/Oder. 1933 gelang ihm von Leipzig aus die Emigration nach Großbritannien. Umgehend bemühte er sich um die Ausreise der in Deutschland verbliebenen Familie. In London galt es, viele Hürden zu überwinden: unter großen Entbehrungen baute er sich eine neue Existenz auf. Bevor er eine zahnmedizinische Praxis eröffnen durfte, war ein weiteres Studium nötig, um die Zulassung als Arzt zu erlangen.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Geschäfte der Familie Mannes immer schwieriger. Bereits im Januar 1933 begann der Boykott gegen das Lebensmittelgeschäft – noch vor dem reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933. Am 31. Januar 1933, einem Dienstag, überfielen SA-Männer die Familie am Poetenweg, in ihrem Zuhause. Sie drängten Fani Mannes und ihre Tochter Margarete in die Küche. Mit Schlagstöcken, Stiefeln und Fäusten prügelten die Männer auf Kalman Mannes ein, bevor sie ihn in das „Braune Haus“ der Stadt schleppten. Nach ein paar Tagen schickten sie ihn nach Hause: mit einem gebrochenen Kiefer, ausgefallenen Zähnen und schlimmen Augenverletzungen. Monatelang führte Margarete das Geschäft für den kranken Vater. Nur wenige der jüdischen Kunden und einige mutige Zwickauer wagten es noch, bei ihnen einzukaufen. Angestellte konnte sich die Familie nicht mehr leisten.

Siegfried änderte in England seinen Namen und nannte sich fortan Peter. Er trug alle Papiere zusammen, um seine Eltern und Schwestern so schnell wie möglich aus Deutschland herauszuholen. Am 22. Oktober 1935 zog die Familie in Peters Wohnung auf der 114 Old Kent Road in S.E.1 in London. Ihnen war der Aufenthalt in England nur erlaubt, weil der Sohn versicherte, für ihren Unterhalt aufzukommen, denn sie durften keiner Arbeit nachgehen. Nach ihrer Scheidung am 27. Januar 1936, heiratete Ruth Cilly Mannes Friedrich Jaques Leopold Nelki. Im gleichen Jahr bezogen Kalman, Fani und Margarete eine Wohnung im Norden Londons ‒ 17 Frognal Court, Finchley. Auch Peter heiratete. Nach Kriegsbeginn erhielten Geflüchtete eine Arbeitserlaubnis, und Kalman verdiente von Mitte 1940 an seinen Lebensunterhalt als Buchführer. Ganz traurig: Er und Fani erlebten das Kriegsende nicht: Fani verstarb bereits am 10. April 1942, Kalman am 5. Februar 1945. Die Kinder von Kalman und Fani Mannes kehrten nicht nach Deutschland zurück. Sie lebten und starben in London: Margarete am 29. Januar 1966, Peter am 29. August 1978 und Ruth Cilly am 11. März 1987. Ruth hinterließ zwei Kinder, Gordon und Joyce, fünf Enkelkinder und sieben Urenkel. Peter hatte zwei Söhne, Barry und Roger, vier Enkel und sechs Urenkel.

Vor 87 Jahren rettete Peter das Leben seiner Eltern und Schwestern. Was jedoch das Erlebte und Erlittene, das Ringen ums Überleben in einem fremden Land, mit einer fremden Sprache bedeutete, können wir nur erahnen. War es der Verlust, war es die Enttäuschung? Kalman und Fani starben noch vor Kriegsende, Ruth erkrankte lebenslang, Friedrich musste die beiden Kinder allein großziehen.

Wir danken Gunter Demnig und seinem Team für das Vertrauen und die Unterstützung. Wir danken außerdem der Sparkasse Zwickau herzlich für die Finanzierung der fünf Stolpersteine für die Familie Mannes. Unser Dank gilt außerdem der Stadt Zwickau/dem Tiefbauamt, besonders Herr Bundesmann, Herr Herholz, Frau Heym, sowie Frau Teichert und Herr Mühle vom Stadtarchiv für die Unterstützung bei der Recherche, Stolperstein-Verlegung bzw. der Umsetzung des diesjährigen Stolpersteinprojektes. Nicht zuletzt danken wir Daniel Nelki und Joyce Meadowcroft. Beide hatten die Stolperstein-Verlegung angeregt sowie die Recherchen mit zahlreichen Informationen über die Familie bereichert. Und wir danken den zahlreichen (unsichtbaren) Helferinnen und Helfern, die uns stets spontan und tatkräftig unterstützten sowie den drei Dolmetschern, die den Vormittag begleiteten.

D. Seichter

Fotos: D. Seichter; Collage: B. Borris

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